← Reisenotizbuch

Notizen aus Ioannina

Ali Paschas Burg und Fragen auf Blei

Ioannina war vier Nächte lang unser Standort, und es fühlt sich anders an als die Küstenorte dieser Reise. Der See verändert den Rhythmus der Stadt, während die befestigte Altstadt mehrere historische Schichten auf engem, gut zu Fuß erkundbarem Raum verdichtet. Den ersten vollen Tag verbrachten wir innerhalb der Mauern und im Archäologischen Museum.

Innerhalb der Mauern

Sinnvoll betrachtet man die Burg nicht als konservierte Momentaufnahme einer einzigen Epoche, sondern als Ort, der immer wieder angepasst wurde. Hier wohnen noch Menschen: Häuser, Gassen, Moscheen und eine Synagoge liegen so dicht beieinander, dass die Übergänge sichtbar werden. In der Südostecke liegt die innere Zitadelle, Its Kale, wo Ali Pascha Hof hielt. Er regierte Epirus von den 1780er Jahren bis 1822, offiziell im Namen des Sultans, praktisch fast wie ein unabhängiger Fürst.

Steinruinen mit Bogenfenstern in der Zitadelle von Ioannina, dahinter ein weißes Museumsgebäude und die Stadt
Its Kale, die innere Zitadelle der Burg von Ioannina.

Ali Pascha und der See

Zwei Geschichten hört man in Ioannina überall. Im Januar 1800 (die Quellen nennen unterschiedliche Jahre) ließ Ali Kyra Frosini, eine junge Frau aus angesehener Familie, zusammen mit einer Gruppe anderer Frauen, meist ist von siebzehn die Rede, im Pamvotis-See ertränken. Die populäre Version nennt eine Affäre mit Alis Sohn Muhtar als Grund; das wahre Motiv ist unbekannt. Sie lebt in Volksliedern und Legenden weiter.

Zweiundzwanzig Jahre später wurde Ali selbst von den Truppen des Sultans auf der kleinen Insel im See gestellt und im Kloster Agios Panteleimon getötet. Auf der Insel zeigt man Besuchern noch heute die Einschusslöcher im Boden. Sein Körper ist neben der Fethiye-Moschee in Its Kale begraben, sein Kopf wurde nach Konstantinopel geschickt.

Feldnotiz

Die Seepromenade ist der offensichtliche Orientierungspunkt. Die interessanteren Details beginnen, sobald man die Burg als bewohntes Viertel begreift und nicht nur als Denkmal.

Fragen auf Blei

Der Höhepunkt des Archäologischen Museums war für uns eine lange Vitrine mit kleinen, zerknitterten Bleistreifen. Sie stammen aus dem Orakel von Dodona, das wir am nächsten Tag besuchten, und gehören zu den persönlichsten Dokumenten, die aus dem antiken Griechenland erhalten sind.

Wer das Orakel befragen wollte, ritzte seine Frage in ein dünnes Bleiblech und faltete oder rollte es dann so, dass die Schrift innen lag. Über viertausend dieser Täfelchen wurden gefunden, aus der Zeit vom späten 6. bis ins 2. Jahrhundert v. Chr. Die meisten handeln überhaupt nicht von Politik. Es geht um Gesundheit, Geld, Kinder, Ehe, Auswanderung und den Verdacht, dass jemand einen verhext hat. Die Museumsschilder lesen sich wie eine antike Ratgeberkolumne:

Kallisthenes fragt Zeus Naios und Dione, was für ihn besser und vorteilhafter sei: „Im Moment geht alles bergab. Werde ich es nach einiger Zeit schaffen, dieses eine Haus zu behalten und zu vergrößern?“

  • Thrasyboulos will wissen, welchem Gott er opfern soll, damit seine Augen heilen.
  • „Hat Timo Aristovoula verhext?“ Und auf einem anderen Täfelchen: „Hat Lyson meine Kinder, meine Frau und mich verhext?“
  • Kylon fragt, ob er mit seiner jetzigen Frau Meniska Kinder bekommen wird; Anaxippos, zu welchem Gott er beten soll, um von seiner Frau Philista Söhne zu bekommen.
  • „Werde ich das Sorgerecht für das Kind bekommen?“
  • Nikomachos fragt, ob er das Bürgerrecht von Tarent annehmen und Herakleia verlassen soll; Porinos aus Kyme, ob er in die Dienste „des Satrapen und Hyparchen“ treten soll.

Die letzten beiden zeigen, wie weit der Ruf Dodonas reichte: Griechen aus Süditalien, die ein Heiligtum in den Bergen von Epirus nach ihrer Zukunft fragen.

Andere Täfelchen, nicht alle hier ausgestellt, fragen, ob Pistos die Wolle aus der Matratze gestohlen hat, ob der Sklave Kittos freigelassen wird, wie sein Herr es versprochen hat, oder ob das Kind, das Annyla erwartet, wirklich von Lysanias ist.

Kleine Bleistreifen mit eingeritzten griechischen Buchstaben in einer Museumsvitrine, nummeriert von 17 bis 22
Orakeltäfelchen aus Dodona im Archäologischen Museum von Ioannina. Nr. 18, das mit den gut lesbaren Buchstaben, gehört zu den ältesten: Hermon fragt, zu welchem Gott er beten soll, um von seiner Frau Kretaia „nützliche“ Nachkommen zu bekommen. Korinthische Schrift, 525–500 v. Chr., im Bustrophedon geschrieben, also Zeile für Zeile abwechselnd von links nach rechts und von rechts nach links.

Antworten auf der Rückseite

Manchmal ist auch die Antwort erhalten, eingeritzt auf der Rückseite. Jemand fragt, zu welchem Gott er beten soll, „um zu verwirklichen, was mir im Sinn liegt“; auf der Rückseite steht knapp: „zu Hygieia“, der Göttin der Gesundheit. Ein anderer fragt: „Ist es für mich, meine Kinder und meine Frau besser, uns in Kroton niederzulassen?“ Die Antwort auf der Rückseite: „Nach Kroton.“ Häufiger trägt die Rückseite nur einen Namen oder eine kurze Notiz wie „des Ariston“, wohl damit man das Täfelchen zuordnen konnte.

Feldnotiz

Liest man die Schilder eines nach dem anderen, fällt auf, wie wenig die Fragen gealtert sind: Geld, Gesundheit, Kinder, ein Haus, das verfällt, und ein Nachbar, dem man nicht traut.