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Das Totenorakel und die Stadt des Sieges

Nekromanteion, Nikopolis und das Denkmal des Augustus

Unser zweiter Tagesausflug von Ioannina aus führte nach Südwesten Richtung Küste, zu zwei Orten, die auf ihre Weise beide von Grenzen zwischen Welten handeln: der eine von den Toten, der andere von der Macht.

Das Nekromanteion: ein Tor zum Hades?

Am Unterlauf des Acheron, eines der Unterweltflüsse der griechischen Mythologie, trägt ein niedriger Hügel ein kleines Kloster Johannes des Täufers. Darunter legte der Archäologe Sotirios Dakaris ab 1958 einen massiven Bau mit dicken Mauern, verwinkelten Gängen und einem überwölbten unterirdischen Saal frei. Er deutete ihn als das Nekromanteion, das Totenorakel, in dem man die Schatten der Verstorbenen befragte.

Die eindrücklichste Geschichte über das Orakel stammt von Herodot. Periander, Tyrann von Korinth, schickte Boten zum Orakel am Acheron, um seine tote Frau Melissa zu fragen, wo das Pfand eines Gastfreundes versteckt sei. Ihr Geist verweigerte die Antwort: Sie friere und sei nackt, denn die Kleider, die man ihr ins Grab gegeben habe, seien nie verbrannt worden. Als Beweis, dass wirklich sie spreche, fügte sie ein Detail hinzu, das nur Periander verstehen konnte, und es war ein düsteres.

Periander verstand. Er ließ alle Frauen Korinths in ihren besten Kleidern zum Heratempel kommen, ließ sie entkleiden und die Kleider in einer Grube als Opfer für Melissa verbrennen. Als er erneut fragte, verriet ihr Geist, wo das Geld lag.

Feldnotiz

Die Forschung ist heute deutlich vorsichtiger. Bronzeteile aus dem Gebäude, die Dakaris für eine Mechanik zur Inszenierung von Geistererscheinungen hielt, hat der deutsche Archäologe Dietwulf Baatz als Teile von Pfeilkatapulten identifiziert, und viele sehen in dem Komplex heute ein befestigtes hellenistisches Gehöft. Den Besuch ist es trotzdem wert, nur vielleicht nicht wegen der Geister.

Nikopolis, die Stadt des Sieges

Am 2. September 31 v. Chr. besiegte Octavians Flotte Marcus Antonius und Kleopatra vor Actium, am Eingang des Ambrakischen Golfs. Octavian, bald Augustus, gründete auf der Halbinsel, auf der sein Heer gelagert hatte, eine neue Stadt und nannte sie Nikopolis, „Stadt des Sieges“. Menschen aus der Umgebung wurden dort angesiedelt, und alle vier Jahre fanden die Aktischen Spiele statt.

Zwei spätere Bewohner verleihen dem Ort ein unerwartetes Nachleben. Der Apostel Paulus schrieb an Titus, er habe beschlossen, in Nikopolis zu überwintern, sehr wahrscheinlich in diesem. Und um 93 n. Chr., nachdem Domitian die Philosophen aus Rom verbannt hatte, zog der Stoiker Epiktet hierher und eröffnete eine Schule. Sein Schüler Arrian schrieb die Vorträge auf, die wir heute als die Diatriben lesen.

Panorama des halbrunden römischen Odeons von Nikopolis mit Bühnenmauern aus Ziegeln, zwei Schatten in der Orchestra
Das Odeon von Nikopolis, ein kleines römisches Theater für Musik und Rezitationen, restauriert und heute wieder bespielt.
Ein überwölbter Ziegelgang, Sonnenlicht fällt durch die Bögen
Ein überwölbter Ziegelgang in den Ruinen von Nikopolis.

Das Lagerdenkmal des Augustus

Auf dem Hügel nördlich der Stadt, wo Octavians Zelt gestanden hatte, errichtete er ein Siegesdenkmal für Neptun und Mars. In seiner Frontmauer steckten einst die bronzenen Rammsporne erbeuteter feindlicher Kriegsschiffe, mehr als dreißig, jeder in einer eigens zugeschnittenen Fassung. Die Rammen sind längst verschwunden, die Fassungen aber noch da, nach Größe gestaffelt, und an ihnen lässt sich abschätzen, wie groß die Schiffe waren.

Plutarch steuert ein schönes Detail bei. Am Morgen der Schlacht begegnete Octavian einem Mann mit einem Esel. Nach seinem Namen gefragt, antwortete der Mann, er heiße Eutychos, „Glückskind“, und sein Esel Nikon, „Sieger“. Nach der Schlacht ließ Octavian an dieser Stelle Bronzestatuen von beiden aufstellen, Mann und Esel.

Selfie eines Paares auf den oberen Rängen des Odeons, dahinter Ruinen und das Meer
Auf den obersten Rängen des Odeons, dahinter das Meer.